Gran Canaria im Frühherbst. Birgit Rabe hat für ihren Geliebten Pierre Faulimel und sich einen Mountainbike-Urlaub auf den »Glücklichen Inseln« organisiert. Sie will endlich Klarheit, hofft, durch die intensive Nähe des täglichen Beisammenseins auf den Radtouren durch die Insel den Geliebten endlich ganz für sich zu gewinnen. Als Pierre immer noch unschlüssig bleibt, Frau und Kinder zu verlassen, fordert ihn Birgit ultimativ zur Entscheidung auf. Pierre, ständig in Furcht vor Entdeckung seines Liebesabenteuers, will Birgit nicht verlieren. Seine Zugeständnisse lassen sie hoffen, und alles scheint sich zum Guten zu wenden. In den »Elysischen Gefilden« nähert sich Birgit mehr und mehr dem Mythos der Insel, doch Pierre verunglückt und verleugnet die Geliebte erneut. Als sie ein letztes Mal bereit ist, sich auf seine Forderungen einzulassen, macht sie jedoch eine schmerzliche Entdeckung.
Erstes Kapitel
Spinnenzäune
Das Meer lag wie ein blassblauer Streifen in der späten Morgensonne. Neben der gut ausgebauten Straße nichts als trockene Grasbüschel zwischen Vulkangestein. Im Unterschied zum tropisch feuchten Norden war der Süden Gran Canarias trocken und wild. So stand es im Reiseführer. Arid hatte Pierre die felsenbraune Landschaft genannt. Birgit schwitzte unter dem Fahrradhelm, und langsam wurde ihr Gesicht heiß. Sie löste den Blick vom Asphalt und hob den Kopf. Vor ihnen lagen Serpentinen, die weiter oben an der wolkenumhangenen Linie zwischen Bergmassiv und Himmel im Nichts verschwanden. Sie hatte kräftig in die Pedale getreten und es war ein Gefühl, als ob sie sich stundenlang Haut an Haut mit Pierre bewegt hätte. Das kannte sie zwar gut von ihrem Kurztripp nach Südfrankreich vor zwei Jahren, als sie sich nur zum Essen lachend aus dem Hotelbett gewälzt hatten. Aber jetzt war es ganz anders, jetzt schwitzten sie zum ersten Mal in einem gemeinsamen Rhythmus, und Pierre war die ganze Zeit bei ihr. Nur bei ihr. An später denken, das wollte sie nicht und konnte doch nicht anders. Sie brauchte endlich Gewissheit. Wildziegen zogen über die Straße. Als zwei Zicklein versuchten, mit ihrem Vorderrad Fangen zu spielen, bremste sie vorsichtig und sprang vom Sattel. Setzte den Helm ab und zog den Pferdeschwanz fest. „Bleib so”, rief Pierre von hinten, „tolle Kombination!” Wie beim Skifahren. Wenn er sie vor einer Bergkulisse fotografieren konnte, stoppte er auch mitten in einer schwierigen Abfahrt. Sie streckte sich ein bisschen, damit sie etwas größer wirkte. Er hatte einen guten Fotografenblick. Auf seinen Fotos siehst du aus wie ein Filmstar, hatte ihre Freundin Juliane aus Hamburg mal gesagt und anerkennend genickt. Bewegungsloses Trinken. Lauwarme Brühe. Fruchtsaft mit Wasser. Sie schielte über die Schulter. Berge. Gab bestimmt ein wunderbares Foto, zusammen mit den Ziegen. Sie ließ ihre Blicke wandern. „Dr. Faulimel!“ schaukelte es in ihrem Kopf. Pierres Mutter hatte kurz vor seiner Geburt den Familiennamen „Faulhimmel“ umschreiben lassen in „Faulimel“. Ihren einzigen Sohn nannte sie Pierre. Pierre Faulimel. Noch war er nur wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität. Bald aber würde in Berlin „Prof. Dr. Pierre Faulimel, Diplom-Mineraloge“ auf seiner Visitenkarte stehen. „Dreihundertfünfzig Höhenmeter“, er schob sein Chronometer am Arm zurecht und wechselte das Objektiv der Kamera. Sie spürte seine warme Hand auf der Schulter. Gut sah er aus mit seinen schwarzen Haaren, die würden im Urlaub kräftig wachsen. Es stand ihm besser, wenn er sie länger trug. Sie mochte seine nicht zu bändigenden Krauslocken. Mit den Ellbogen stützte sie sich am Lenker ab, hielt das Rad zwischen den Schenkeln und drehte sich um. Er rieb seine Nase an ihrer, und sie spiegelte sich in seinen Pupillen. Sein Blick ging ihr immer noch durch und durch. Jedes Mal fiel es ihr schwerer, sich von ihm lösen zu müssen und nicht zu wissen, wann er sie das nächste Mal wieder in die Arme schließen konnte. Er lächelte und strich ihr übers Haar. Jetzt hatten sie endlich Zeit füreinander und die Insel würde ihr helfen, dass es so blieb. Sie spürte blaue Wellen und eine frische Klarheit. Wie gut, dass er ihr vor einem Jahr zusammen mit dem Saphir dieses Bild geschenkt hatte. In einer merkwürdigen Anwandlung poetischer Gefühle. Hatte wahrscheinlich an dem Band mit Liebesgedichten von Pablo Neruda gelegen, den er sich von ihr ausgeliehen hatte. Oft hatte sie seitdem den Saphir in der Hand gehalten und gewusst, Pierre war bei ihr. Und nun hörte er gar nicht mehr auf zu fotografieren. Ihre Blicke folgten der Küstenlinie. Der Atlantik war ein ruhiger Nebelsee in der Ferne, weißgekalkte Häuser lagen hingetupft zwischen dem bewässerten Grün auf der Ebene. Der hell-gelbe ausgedehnte Fleck, das waren die Sanddünen. Willkommen auf den „Glücklichen Inseln“, hatte auf einer Reklametafel am Ortsausgang gestanden. In den „Elysischen Gefilden“ wohne ein gleichmäßiges Glück, hieß es. In diesem Zwischenreich konnte sie nichts trennen von Pierre und im erfrischenden Seewind lag die Zukunft deutlich vor ihnen. Seit sie sich vor drei Jahren kennen gelernt hatten, dachte sie an nichts anderes: Dass sie mit ihm zusammenleben wollte. Seit dem Jubiläumsball der Universität. Der Vollmond hatte durch die Glaskuppel in den Saal geglänzt, und Pierre hatte auf seine gewisse Art gelächelt, sie berührt. Seine Stimme löste ein unbestimmtes Vibrieren in ihrem Bauch aus. Manchmal, wenn sie miteinander im Bett lagen, nackt aneinandergeschmiegt, wusste sie nicht mehr, wo sein Körper aufhörte und ihre Haut begann. Auf Gran Canaria würde der Passat mit einer sanften Beständigkeit wehen und sie beim Rad fahren zusammen in seinem leichten Rhythmus davontragen. Sie knotete die Enden der Schnürsenkel übereinander. Tiefe Schluchten, barrancos, gruben sich ein in das Bergmassiv und zerschnitten die Landschaft. Sie wusste, dass auf den Kanaren eine Pass-Straße niemals direkt auf den Gipfel führte. Immer waren die Schluchten unüberwindbare Hindernisse auf dem Weg nach oben, so dass sich die Straße an einem Bergrücken höher und höher entlang zog, sich weiter und weiter hinaufwand, am höchsten Punkt steil abfiel und auf der Talsohle ihr Spiel von neuem begann. So stand es in den Büchern, und genauso hatte sie es sich vorgestellt. Doch als sie jetzt zurückschaute, begann sie zu ahnen, dass die Worte die Anstrengung dahinter nur unzureichend beschrieben. Während Pierre weiter fotografierte, kamen zwei junge Männer auf Trekkingrädern um die Kurve und grüßten auf Italienisch. Die beiden traten stehend in die Pedale, so dass die Räder fast den Berg hinaufschossen. ...
Der Roman "Liebesprobe" ist im Herbst 2005 im demand verlag, Waldburg, erschienen.
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