Selbstbedienung

„Geht mal ins Seifenhaus“, sagte unsere Mutter, „wir brauchen noch Apfelshampoo, die große Flasche ist billiger. Und Eishampoo, für Papa, in den Portionsbeuteln mit den Ecken zum Abschneiden. Vergesst die Rabattmarken nicht. Halt, Waschmittel ist auch alle, OMO, so wie die Jungs ihre Fußballsachen zugerichtet haben.“

Sie gab uns Geld und diese karierte Einkaufstasche. Drogeriemarkt stand über dem Schaufenster, aber unsere Mutter sagte immer Seifenhaus. Die Nagellackfläschchen standen in Reih und Glied, pink und lila, feuerrot und dunkelblau. In unserer Stadt gab es keine Frauen mit bunten Fingernägeln. Wie das Blau wohl aussah? Wir holten das Apfelshampoo mit einem Seitenblick aus dem Regal. Den blauen Nagellack gab es auch in Probiergröße, ein winziges Fläschchen. Beim Vorbeigehen rutschte es uns in die karierte Tasche, zufällig. Als wir Waschmittel und Shampoos auf die Theke stellten, kam die Verkäuferin hinter ihrem Vorhang hervor, und da sahen wir den Spiegel. Die Verkäuferin tippte, die Kasse klingelte. Jetzt nur nicht rot werden. Draußen roch die Luft wie frisch gewaschen. OMO wäscht reiner, sagten wir stumm vor uns hin.

Wo sollten wir den Nagellack lassen? Erst um die nächste Ecke, vorbei an der Kirche. Wir sahen zum Himmel und blinzelten zweimal ganz kurz wie Jeannie im Fernsehen. Es war zufällig gewesen, genau neben dem Apfelschampoo. Gut, dass wir nicht beichten mussten wie die Katholischen.

Wir bückten uns und banden die Schnürsenkel neu. Dabei schoben wir das Fläschchen in den Schuh, da war Platz. Am nächsten Morgen hatten wir die erste Stunde frei und waren allein zu Hause. Wir holten das Fläschchen und lackierten unseren Puppen die Nägel. So sah das also aus. Schnell alles wieder abgewischt, bevor es trocknete. Unsere Väter packten den Tiger in den Tank, wir manchmal blauen Nagellack in die karierte Tasche, zufällig. Alle Puppen wussten jetzt wie es war mit blauen Fingernägeln. Zu Hause steckten die Fläschchen zwischen den Puppenkleidern. Die Drogerieverkäuferin lief wie ein gehetztes Tier durch den Laden.

In den großen Ferien kam unsere Mutter eines Nachmittags früher nach Hause. Wir versteckten schnell die Hände hinter dem Rücken. „Zeigt her! Was ist das? Blauer Nagellack? Die ganze Stadt lacht darüber, dass im Seifenhaus geklaut wird, und immer nur blauer Nagellack! Sie haben jetzt sogar einen Detektiv angestellt!“

aus:
Jutta Weber-Bock
Wir vom Jahrgang 1957 - Kindheit und Jugend
Wartberg Verlag
Gudensberg-Gleichen November 2016
12,90 Euro, gebunden, 64 Seiten
zahlreiche farbige Fotos
ISBN 3-8311315-57-4

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