Rückschau - Lyrik auf dem Liebfrauenberg 2015

5. Juli 2015

Zum dritten Mal trafen sich am letzten Wochenende im Juni auf dem Château du Liebfrauenberg im Nordelsass Lyrikbegeisterte zu einem Workshop. In diesem Jahr stand das Seminar unter dem Thema Der Weg zum guten Gedicht.

„Das Gedicht braucht, wie das Gemälde, den schmutzigen Daumen, und unter seinem Nagel darf und muss ein Blutrest sein.“ (Thomas Kling)


©Wolfgang Haenle

Begonnen haben wir damit, Empathie ins Gedicht zu bringen und uns hinein versetzt in einen Uhrzeiger oder einen rostroten Riegel an einem Tor. Wir haben diese ersten Verse durch persönliche Dinge ergänzt und so eine erste Irritation erzeugt. Als ein Beispiel dafür aus der bildenden Kunst haben wir die Eierfrau aus Tizians Bild „Tempelgang der Maria“ herangezogen.

Im Kräutergarten haben wir uns zu Bildern inspirieren lassen und die sinnliche Komponente bewusst in die Verse eingearbeitet. [Die Brombeere] senkt so lange schwarze Süße / in die schweren Beeren bis die Spitze / die Erde wieder berührt ... die Brombeerhölle entfacht. [Kursivsetzungen: Zitate aus Gedichten von Teilnehmer/innen, Copyright bei den Teilnehmer/innen]

 
©Wolfgang Haenle

„Sehen, Hören und Fühlen sind Wunder, und jeder Teil und Fetzen von mir ist ein Wunder. Der Geruch dieser Achselhöhlen ist ein feineres Aroma als Gebete ...“ (Walt Whitman)

Was gehört zu einem guten Gedicht? Einfühlungsvermögen in Dinge, genaue Beobachtung, Irritation, sinnliche Bilder und vor allem eine ganz eigene Melodie. Um diese zu finden, haben wir nach dem Rhythmus auf dem Liebfrauenberg gefragt und versucht, uns an festen Formen zu orientieren: Autos schwuppen über die Hügel / auf der Mauer die händereibende Fliege, heißt es in einem Pantum. [Kursivsetzungen: Zitate aus Gedichten von Teilnehmer/innen, Copyright bei den Teilnehmer/innen]

„Wer den Dingen, der Landschaft und den Wörtern mit achtsam geweiteten Sinnen begegnet, nimmt an ihnen ihre Durchlässigkeit für Wirklichkeiten wahr.“ (Peter Waterhouse)

Zu einem guten Gedicht hat uns nun nur noch ein bisschen Chaos gefehlt, das wir anhand von Personen in unsere Verse hinein gebracht haben. Mit staatlich gestärkter Sahnehaube betritt der Koch die Bühne, ich ließ mein Fahrrad parken, wo es wollte und lila liegt der busen vor der torte. [Kursivsetzungen: Zitate aus Gedichten von Teilnehmer/innen, Copyright bei den Teilnehmer/innen]

„Ein Gedicht muss schmatzen, krachen, stinken dürfen. Es muss aber nicht verständlich sein oder Verständlichkeit anstreben, denn was heißt das schon.“ (Jan Wagner)

Ein Gedicht muss locken und schmecken, dies könnte vielleicht ein Fazit sein - das auch Eric hinter seiner Paellapfanne gefallen würde, wenn er mit den Versen hin und her schwingt.

 
©Wolfgang Haenle

Stimmen von Teilnehmer/innen 2014 / Programm Liebfrauenberg 2014 - Von der Wahrnehmung zum Gedicht
Rückschau 2013 - ein Beitrag von Wolfgang Haenle / Programm Liebfrauenberg 2013 - Wie ein Gedicht entsteht